palmen vintage 03aIn meinem Blogpost „Lebensqualität“ letztes Jahr habe ich von Pia erzählt und ihrem Tick (oder Trick?), sich nicht mehr von der Stelle zu rühren, wenn ihr der Stress zuviel wird. Totalverweigerung. Sobald sie merkte, dass sie arbeitsmäßig mal wieder wie ferngesteuert herumsauste und sich selbst überholte, klinkte sie sich aus und starrte stundenlang den Baum vor dem Fenster an, um sich danach dann ‚irgendwie wieder lebendig’ zu fühlen, wie sie sagte.

Kontakt haben zu sich selbst, ich glaube, das ist, worum es dabei geht, im Kern, dass man sich von dem ganzen Gesumm und Gebrumm im Job nicht nur völlig vereinnahmen lässt, sondern auch ein gehöriges Stück bei sich selbst bleibt, oder wenigstens jeden Tag zwischendurch mal zu sich kommt. Und ich meine, zu sich ganz allein. Das ist das Wenigste. Wäre doch schön, im eigenen Leben irgendwie selbst anwesend zu sein, oder!? Aber es ist nicht so leicht.

Auf Arbeitsreisen für Reisefilme beispielsweise war ich immer kreuzunglücklich, wenn wir bei Drehs zeitweise durch ein Land gerast sind und wie Roboter funktioniert haben, um den Drehplan durchzukriegen, nur ja nicht ablenken lassen. Und oft geht’s auch nur so bei solchen Projekten, obwohl du es bedauerst, weil beim Reisen es ja gerade das ist, was dich glücklich macht, die Ablenkungen, das Einlassen auf Unvorhergesehenes und das ‚tiefer Tauchen’. Ja gut, dies waren nun aber Arbeitsreisen, und es war auch nur streckenweise so extrem, nicht durchgehend. Nichtsdestotrotz, wenn ich so herumraste, kam besagter Eigenkontakt gar nicht zustande, und von manchen Gegenden hab ich deshalb außer Oberflächen nicht so richtig was mitbekommen.

Mir fällt auf, dass ich hier im Blog überhaupt noch nie was erwähnt hab von meiner Arbeit als Fernsehautorin und Reisefilmautorin, weil es meist ja hier um Klänge geht und ich mit Filmarbeit aufgehört hab. Also: Ja, ich bin ein bisschen gereist. Fünf Jahre war ich arbeitsreisend unterwegs, andauernd. So fühlt es sich an. In Wahrheit waren es pro Jahr vier bis zehn Wochen. Einen Großteil davon habe ich Reisefilme gemacht, Länderporträts, Thailand, Venezuela und einige mehr. Unter „sounds“ und „fields“ könnt ihr ein paar Clips hören. Die Stadt Bangkok hat mich tief beeindruckt. Warum, das steht hier: About.

Kopfreisen

Dass es mir vorkommt, als wäre ich Jahre fast nur auf Reisen gewesen, liegt daran, dass ich bei der Konzeption der Filme zu Haus am Schreibtisch schon gedanklich auf Reisen war, von dem Moment an, wo ich anfing die Drehorte auszuwählen und im Kopf die Städte zu durchstreifen und Küsten und Bergstraßen abzufahren, Ideen für Geschichten sich auftaten zu den Orten, und auf die Weise der Film im Kopf sich entwickelte. Und nach der Reise musste er dann ja überhaupt erst noch gemacht werden, ich war also lange mit Reisen geschäftigt.

Filmreisen

Realisiert habe ich sie mit meinem Partner Li. Er ist ein Mensch der bewegten Bilder. Er macht wunderbare Bilder, einfühlsame Bilder. Er zaubert mit Licht und ist virtuos in Videoschnitt und Collage. Und so sind wir losgezogen, Li mit seiner Kamera, ich mit meinem Audiorecorder und dem Film im Kopf als Mindmap.

Der Drehplan …

Quer durch ein Land. Du fährst mit dem Auto, hältst 50 Mal an am Tag und steigst aus, um gute Perspektiven zu finden. Du willst kein wichtiges Bild übersehen, nur, weil es 40 Grad heiß ist und du vielleicht grade k.o. bist. Es muss zügig gehen. Du bist nur begrenzte Zeit im Land, du hast den Drehplan und du hast das Wetter. – Und immer wieder verschafft das Wetter dir Zwangspausen.

… und in Wolkenlöchern …

Es kann sein, dass du den ganzen Tag immer nur Bilder machen kannst, wenn die Sonne mal gerade kurz aus einem Wolkenloch lacht. Und schon schiebt die nächste Wolke heran. Für Li an der Kamera war das oft obernervig. Die Bilder müssen ja im Schnitt nachher zusammenpassen. Und es sind bewegte Bilder, was heißt, wenn die Sonne dann endlich für fünf Sekunden die Szene beleuchtet, ist aber vielleicht das sich darin bewegende Motiv plötzlich weg, ein Hund, der eben noch da war, ein Mensch, der über die Straße ging, um die Hausecke entschwunden, und du fängst wieder neu an zu warten.

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Für mich waren die Wolkenwartepausen toll, weil ich dann für meine Tonaufnahmen mehr Zeit hatte, Zeit, die ich mir sonst nicht genommen hätte. Ich muss dazu sagen, meine speziellen Aufnahmen mit Ohrmikrofonen waren nicht Teil des Auftrages, sondern mein Nebenprojekt.

… die Zeit dehnen

In den Wolkenwartepausen hab ich zwangsläufig gelernt, mir die Zeit zu dehnen, das heißt, diese paar Minuten jeweils zu nutzen, um mich zu vertiefen in das, was ich jetzt gerade sehe, fühle, rieche, schmecke, höre. Dadurch war dann besagter Eigenkontakt wieder da, waren meine Sinne wieder ‚beisammen’,. Wobei ich mich bei Tonaufnahmen am besten vertiefen kann, versenken mehr noch. Und das klappt, wenn ich technisch alles im Griff hab und einfach nur noch mit dem, was ich höre, ‚mit fließe’. Ich sage mir: Okay, du hast jetzt eine Minute, du stehst an der richtigen Stelle, der Ton kann nur gut werden, so und jetzt los, einschalten. Eine Minute. Und dann diese kleine Zeiteinheit in hochkonzentrierter Dosis einsaugen. Ich höre die Töne und fühle die Minute sich dehnen, weil ich so intensiv, … wie soll ich sagen,  … in die Töne hineinhöre …, ja, ich glaube, das trifft es. So von Null auf Gleich in diesen Zustand zu kommen, das habe ich durch den Zeitmangel beim Drehen in Wolkenlöchern anscheinend gelernt.

Hier jetzt, im Schreibtischleben, vergesse ich doch aber ganz oft, wie es geht. Ich muss auch noch was ergänzen, der Klarheit wegen. Ich finde es überhaupt nicht gut, sich selbst in allem Möglichen zu optimieren, um äußeren Vorgaben gerecht zu werden. Mein Wolkenlochzeitdehnen ist durchaus so eine Selbstoptimierung, nach dem Muster: Keine Zeit? – Okay, dann komm eben mit der wenigen Zeit klar, denk dir was aus, wie das gehen könnte. Allerdings diente die Selbstoptimierung mir selbst in diesem Fall, das bilde ich mir jedenfalls ein. Die Umstände konnte ich nicht ändern, aber ich hab versucht sie für mich zu nutzen. Und Fakt ist: Ich habe diese Minuten-Phasen als sehr intensiv erlebt. Aber ich sehe auch die Krux, dass ich vielleicht gar nicht mehr merke, wie weit ich mich bereits optimiert habe. Und dann denke ich an Pia, wie sie sich rigoros ausklinkt. – Das geht natürlich nur als ‚Freie’.

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Hier ist jemand, Eva Schulz, die es genau richtig macht, wie ich finde, die den Wert einer intensiven Eigenzeit erlebt, bevor der Job sie total einnimmt, und nicht erst nach dem Burnout. Und hier eine interessante Diskussion.