frost 03

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Vroni hieß sie, und sie war 17. Und ich 18. Ich heiße Toss. Es war der Winter, als ich noch zu Haus in Hamburg bei meinen Eltern lebte, und die Alster zugefroren war.

Vroni war ganz wild auf Schlittschuhlaufen. Ich konnte mich noch nie auf den Dingern halten. Ich guckte ihr vom Rand aus zu, wie sie vorbeisauste, und mir Handküsschen in die Eisluft blies, und bei der nächsten Runde wieder angefegt kam, an der Bank entlang ratschte, wo ich saß, und mir langsam den Arsch abfror. Als sie genug hatte und zum Halten kam, kratzte sie mit den Kufen vor mir eine aggressive Spur. Sie hackte die Zackenspitze ihrer Spielbeinkufe ins Eis und sah mich so komisch an, als hätte sie beim Herumkurven da irgendwas gegen mich ausgekocht. Sie setzte sich neben mich und wir blickten auf die Alster vor uns und die Schlittschuhläufer, ohne was zu sagen.

„Was ist?“, fragte ich nach einer Weile.
„Nichts, meine Fingerspitzen sind taub“.
Ich nahm ihre eine Fausthandschuhhand und knetete sie warm. Und Vroni, noch immer den Blick geradeaus an mir vorbei, fragte:
Was magst du eigentlich am meisten?“
Das ist keine schlimme Frage, eher im Gegenteil, aber in dem Moment schoss sie mir wie ein Eiszapfen in die Magenkuhle.
„Wie, was mag ich am meisten”, ich sah Vroni an. Sie mich nicht. Mein Gott, dachte ich, was hat sie bloß.
„Na Vorlieben, kleine Dinge, große, …“
– ihre Stimme klang zunehmend spitzer–
„ … Materielles, Ideelles, was du halt magst.“
Ich glotzte nun wie bekloppt auf ihre Handschuhhand und Vroni starrte vor sich hin aufs Eis.
„Und?“, fragte sie.
„Weiß ich nicht, keine Ahnung.“
„Mann, das ist doch nicht so schwer”, mit einem Ruck drehte sie sich zu mir, “das kannst du doch wohl sagen!“
„Jetzt sofort?“
„Ja wann denn sonst.“
„So was geht nicht sofort.“
„Natürlich geht das, du musst es sofort sagen. Sonst macht es ja keinen Sinn, wenn du ewig lang überlegen musst. Und so was weiß man ja auch sofort, normalerweise. Du kannst nicht auf der Welt sein und so was nicht wissen.“

Keiner war damals bei Facebook oder so und hatte seine Likes und Dislikes irgendwo im Profil stehen und sie wegen der vielen Beschäftigung damit dann auch selbst im Kopf, 1985 (!). Vroni allerdings hatte ihr Profil von Geburt an parat, anscheinend, klar und eindeutig.  ‘Was magst du am meisten?’ – Plötzlich da in der Kälte fiel mir auf, wie extrem Vroni immer nur genau das tat, was sie gern tat, und alles andere ignorierte. Und noch etwas fiel mir erst jetzt richtig auf: Wie sehr sie mich einschüchterte. Das war öfter so: Sie fragte etwas, das mich betraf, und meine erste Reaktion bestand darin, ein Manko bei mir zu erkennen, bereitwillig und ohne Zögern. Ich spürte das Ungenügendsein geradezu körperlich. Genau wie jetzt. Ich versuchte krampfhaft, eine Vorliebe zu erfinden, weil ich vor Vroni nicht als oberflächlicher Volltrottel dastehen wollte, aber es kam nichts aus mir raus.

Was magst du am meisten? – Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, woran mir speziell etwas lag oder was mir besonders wichtig war. Ein paar Dinge machte ich halt gern und andere Dinge weniger gern, aber im Kopf behalten hatte ich das nie, oder gesammelt und …, und selbst wenn ich ein paar mir absolut wichtige Dinge gewusst hätte, wäre nun trotzdem nichts aus mir rausgekommen wegen Vronis Gesichtsausdruck, dieser Mischung aus Belustigung, Geringschätzung, Vorwurf und völligem Unverständnis. Ihr Gesichtsausdruck kränkte mich so sehr, dass ich ein paar Tage später am Telefon mit ihr Schluss machte. Ja, am Telefon.

An dem Tag auf dem Eis damals hatten wir danach noch zusammen die U2 genommen. Vroni musste drei Stationen vor mir raus. Die ganze Fahrt über konnte ich vor Kälte die Zehen nicht bewegen. Zu Haus, in meinem Zimmer drehte ich erstmal die Heizung voll auf. Dann schrieb ich eine Liste.

Gras riechen, wenn’s frisch gemäht ist, war das erste, was mir einfiel. Und dann …
2. …
3. …
4. …

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Hier will ich unbedingt schnell noch was nachtragen. Vorhin war ich zu Besuch im Blog von Isabel Bogdan in Hamburg, und was seh ich dort – Alsterbilder aus Lovely-Hamburg. Dieser Link führt direkt nach Hamburg auf die Alster – und darüber hinaus auch noch zu sehr lesenswerten Büchern. Isabel Bogdan „liest, schreibt und übersetzt“ (Literatur).