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Ich räume mein Arbeitszimmer auf, habe das Fenster weit geöffnet und die milde Luft strömt herein, und beim Hantieren höre ich mir unter drahtlosen Kopfhörern ein paar von meinen älteren Radiostücken an.
Das 55-min-Feature  “Der Rentner und der Rocker – Szenen einer Freundschaft  wurde erstmals 2004 auf NDR4 gesendet. Das Radiostück habe ich mit Horst (80) und Uwe (40) gemacht. Sie waren mir in der U-Bahn begegnet, in der U2, in Hamburg, als ich dort für zwei Monate arbeitete. Selbe Zeit morgens, selber Waggon. Wir waren in dem Pulk von Menschen, der sich durch die Tür schob, und saßen uns dann gegenüber, zufällig. Das heißt, nur der alte Herr war mit mir eingestiegen, der junge Typ nicht, der kam zwei Haltestellen später angerannt und setzte sich neben den Alten. Ich konnte gar nicht mehr wegsehen von den beiden wegen der Art wie sie miteinander redeten und miteinander umgingen, so respektvoll und fürsorglich. Ich bekam alles mit, was sie sich erzählten.

Von da an sah ich den alten Herrn jeden Morgen am Bahnsteig, er mich aber nicht, jedenfalls ließ er es mich nicht merken. Mir fiel auf, dass er immer den gleichen Wagen der U2 nahm, Wagen 8. Das tat ich nun auch, jeden Morgen. Wagen 8. Das war ihr Treffpunkt. Der alte Mann stieg ein, setzte sich vom Eingang aus rechts irgendwo hin, und zwei Stationen weiter kam der junge Mann angerannt und setzte sich neben den Alten. Der junge Typ war jeden Morgen in großer Eile. Ich ging anfangs immer nach links durch, ein bisschen weiter nach hinten, aber ich hielt sie im Auge, die beiden. Manchmal trafen sich unsere Blicke und wir grüßten uns.

Und eines Morgens fasste ich mir ein Herz und stellte mich ihnen vor, und erwähnte dann im Gespräch so nebenbei, dass ich Radiogeschichten mache. Ein paar Tage später fragte ich sie ganz direkt, ob ich so ein Radiostück über sie beide machen dürfte. Sie waren nicht gerade begeistert von der Idee, aber nach kurzem Überlegen sagte der junge Typ immerhin: “Na ja, gut, warum nicht.” So hatte es angefangen.

Horst lebt jetzt nicht mehr. Und damit die Geschichte mit diesen beiden liebenswerten Menschen nicht komplett verschwindet, habe ich wenigstens einen neuen, kurzen Clip montiert, “Day X”.

Der Clip ist  im   n ä c h s t e n   BLOG-EINTRAG zu hören, in dem ich anfange, meine Radiostücke zu sammeln, mit Hörproben.

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frost 03

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Vroni hieß sie, und sie war 17. Und ich 18. Ich heiße Toss. Es war der Winter, als ich noch zu Haus in Hamburg bei meinen Eltern lebte, und die Alster zugefroren war.

Vroni war ganz wild auf Schlittschuhlaufen. Ich konnte mich noch nie auf den Dingern halten. Ich guckte ihr vom Rand aus zu, wie sie vorbeisauste, und mir Handküsschen in die Eisluft blies, und bei der nächsten Runde wieder angefegt kam, an der Bank entlang ratschte, wo ich saß, und mir langsam den Arsch abfror. Als sie genug hatte und zum Halten kam, kratzte sie mit den Kufen vor mir eine aggressive Spur. Sie hackte die Zackenspitze ihrer Spielbeinkufe ins Eis und sah mich so komisch an, als hätte sie beim Herumkurven da irgendwas gegen mich ausgekocht. Sie setzte sich neben mich und wir blickten auf die Alster vor uns und die Schlittschuhläufer, ohne was zu sagen.

„Was ist?“, fragte ich nach einer Weile.
„Nichts, meine Fingerspitzen sind taub“.
Ich nahm ihre eine Fausthandschuhhand und knetete sie warm. Und Vroni, noch immer den Blick geradeaus an mir vorbei, fragte:
Was magst du eigentlich am meisten?“
Das ist keine schlimme Frage, eher im Gegenteil, aber in dem Moment schoss sie mir wie ein Eiszapfen in die Magenkuhle.
„Wie, was mag ich am meisten”, ich sah Vroni an. Sie mich nicht. Mein Gott, dachte ich, was hat sie bloß.
„Na Vorlieben, kleine Dinge, große, …“
– ihre Stimme klang zunehmend spitzer–
„ … Materielles, Ideelles, was du halt magst.“
Ich glotzte nun wie bekloppt auf ihre Handschuhhand und Vroni starrte vor sich hin aufs Eis.
„Und?“, fragte sie.
„Weiß ich nicht, keine Ahnung.“
„Mann, das ist doch nicht so schwer”, mit einem Ruck drehte sie sich zu mir, “das kannst du doch wohl sagen!“
„Jetzt sofort?“
„Ja wann denn sonst.“
„So was geht nicht sofort.“
„Natürlich geht das, du musst es sofort sagen. Sonst macht es ja keinen Sinn, wenn du ewig lang überlegen musst. Und so was weiß man ja auch sofort, normalerweise. Du kannst nicht auf der Welt sein und so was nicht wissen.“

Keiner war damals bei Facebook oder so und hatte seine Likes und Dislikes irgendwo im Profil stehen und sie wegen der vielen Beschäftigung damit dann auch selbst im Kopf, 1985 (!). Vroni allerdings hatte ihr Profil von Geburt an parat, anscheinend, klar und eindeutig.  ‘Was magst du am meisten?’ – Plötzlich da in der Kälte fiel mir auf, wie extrem Vroni immer nur genau das tat, was sie gern tat, und alles andere ignorierte. Und noch etwas fiel mir erst jetzt richtig auf: Wie sehr sie mich einschüchterte. Das war öfter so: Sie fragte etwas, das mich betraf, und meine erste Reaktion bestand darin, ein Manko bei mir zu erkennen, bereitwillig und ohne Zögern. Ich spürte das Ungenügendsein geradezu körperlich. Genau wie jetzt. Ich versuchte krampfhaft, eine Vorliebe zu erfinden, weil ich vor Vroni nicht als oberflächlicher Volltrottel dastehen wollte, aber es kam nichts aus mir raus.

Was magst du am meisten? – Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, woran mir speziell etwas lag oder was mir besonders wichtig war. Ein paar Dinge machte ich halt gern und andere Dinge weniger gern, aber im Kopf behalten hatte ich das nie, oder gesammelt und …, und selbst wenn ich ein paar mir absolut wichtige Dinge gewusst hätte, wäre nun trotzdem nichts aus mir rausgekommen wegen Vronis Gesichtsausdruck, dieser Mischung aus Belustigung, Geringschätzung, Vorwurf und völligem Unverständnis. Ihr Gesichtsausdruck kränkte mich so sehr, dass ich ein paar Tage später am Telefon mit ihr Schluss machte. Ja, am Telefon.

An dem Tag auf dem Eis damals hatten wir danach noch zusammen die U2 genommen. Vroni musste drei Stationen vor mir raus. Die ganze Fahrt über konnte ich vor Kälte die Zehen nicht bewegen. Zu Haus, in meinem Zimmer drehte ich erstmal die Heizung voll auf. Dann schrieb ich eine Liste.

Gras riechen, wenn’s frisch gemäht ist, war das erste, was mir einfiel. Und dann …
2. …
3. …
4. …

© rb Alle Rechte bei der Autorin

 

Hier will ich unbedingt schnell noch was nachtragen. Vorhin war ich zu Besuch im Blog von Isabel Bogdan in Hamburg, und was seh ich dort – Alsterbilder aus Lovely-Hamburg. Dieser Link führt direkt nach Hamburg auf die Alster – und darüber hinaus auch noch zu sehr lesenswerten Büchern. Isabel Bogdan „liest, schreibt und übersetzt“ (Literatur).

intercity sky

My Intercity sky + ein wunderbarer Herbsttag

 

Es gibt Städte, die machen dich froh, wenn du nur an sie denkst. Bei mir sind das Hamburg und London. Nach London komme ich leider nicht so oft wie nach Hamburg.

intercity train sq

nach Hamburg

Der Intercity hat Verspätung und fast kaum noch Plätze frei. Oh doch, der hier noch, Glück gehabt! „Das ist meiner“, trötet eine Pastellmadame, als ich mich hinsetze. „Platzkarte“. Verjagt. Na wenn schon, ich fahre nach Hamburg, da kann doch so was nicht meine Stimmung trüben. Nach Hamburg! Wie ich es liebe, dieser Stadt entgegenzufahren. Auch wenn ich von ihr meist nur den Hauptbahnhof sehe. Weil ich da in die U-Bahn steige, und irgendwo wieder aussteige, in Wohnhäuser gehe, Büros oder Cafés, und Interviews mache mit Menschen, die an meinen Radiofeatures mitwirken, und danach den ersten Zug gleich wieder zurück nehme, weil ich für die Abgabetermine irgendwie immer spät dran bin.

Ein Platz ist dann doch noch frei, der äußere von der Sitzreihe an der Tür, im Rücken das Klo. Na wenn schon, ich fahre nach Hamburg! Und auf meinem Endsitz kann ich sogar mit dem Gesicht zum Fenster sitzen und statt einer Sitzlehne hab ich den herrlich blauen Himmel im Blick. Alles ist gut!

 

a cup of coffee

Wie schön hier wieder das Warten ist!

Abends. HH-Hauptbahnhof. Wie schön hier wieder das Warten ist! Das meine ich ganz im Ernst. Ich finde alles wunderbar heute. Auch mein Termin war einer von der Art, wo ich immer denke, mensch, so tolle Projekte, du könntest vor Glück nur so sprühen. Und irgendwie tue ich’s ja auch den ganzen Tag schon.

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Fieldrecording “intercity germany”    01:35
Die Aufnahme wurde mit Im-Ohr-Mikrofonen gemacht. Bei der Wiedergabe mit Kopfhörern ergibt das ein 3-dimensionales Hörgefühl.

 

Nachtfahrt + Dostojewski

Auf der Rückfahrt fällt mir ein Zitat von Dostojewski ein, dieses hier:  „Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.“  Für Menschen wie mich in diesem reichen Land und mit nur ‚Erste’-Welt-Problemen, finde ich, trifft das ziemlich gut den Punkt. Danke, Hamburg!