Wie kriegst du den Wechsel hin zwischen Radiofeature-Machen und den Soundstücken? Trennst du das so ganz haarscharf und sagst, so, jetzt mach ich ein Soundstück, und wartest auf die Idee? –
Das wurde ich neulich gefragt, als es darum ging, wie man am besten im Kopf ‚umschaltet‘, wenn man in kurzen Abständen an grundverschiedenen Projekten arbeitet.

Ich trenne das Radiofeature-Machen und die Soundstücke jedenfalls nicht bewusst. Es sind so völlig verschiedene Herangehensweisen, dass sich das ganz von allein trennt. Reine Soundstücke zu machen, also ohne Sprachinhalt, ist für mich viel mehr eine innere, intuitive und ungebundene Art des Umgangs mit Material. Beim Radiofeature-Machen ist man ja meist sehr in Kontakt mit dem Außen, mit anderen Menschen und ihren Perspektiven und Informationen. Es sind für mich zwar sehr unterschiedliche Beschäftigungen, aber sie beeinflussen sich unterschwellig, mehr oder weniger.

Zum Beispiel „A Cocooning“, was im unteren Blog-Eintrag zu hören ist, das ist entstanden beim Experimentieren mit meiner neuen DAW Reaper und der Automation bei einer ‚Sinusschwingung‘. Die Woche zuvor hatte ich für ein anderes Projekt den Begriff „Cocooning“ recherchiert, der den Rückzug ins Private benennt, wenn ‚Gesellschaft und Welt‘ als unübersichtlich, überfordernd oder bedrohlich empfunden werden.

Cocooning, sich verpuppen, einspinnen, in einen kleinen überschaubaren und selbst kontrollierbaren Raum. Einen Raum, der scheinbar immer gleich schwingt, harmonisch und stabil. Und man selbst schwingt mit. Nur manchmal noch wehen vereinzelt ein paar Geräusche von außen herein. –
In dem Moment, wo ich im Soundprogramm den Regler für das Schwingungstempo bewegte, fand ich, dass genau dieser Ton in dem Tempo so eine Art von Zurückgezogensein ausdrückt, und erst da dachte ich an meine Recherche in der Woche davor, wo ich versucht hatte, mich hineinzudenken in dieses Zurückziehen. – Und so ergaben meine zwei Beschäftigungen, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten, zufälligerweise dann dieses Stück „A-Cocooning“.

Cocooning

Der Begriff Cocooning wurde mit der Zeit durch immer andere Begriffe ergänzt –Nesting, Homing, Neue Heimeligkeit und Häuslichkeit–, die in der Werbung genutzt werden für Lifestyle und Wohnungseinrichtung. Abgesehen davon, dass ich allgemein die Berieselung mit albernen Schlagwörtern, die wir dann alle nachplappern, mitunter leid bin, scheint mir Cocooning der beste Begriff zu sein für das, was er ausdrücken soll, weil der bildhafteste. Er klingt warm und friedlich und niedlich, weil man an die kleine Raupe im Kokon denkt, und er passt gut zur kuschligen Wohnlandschaft und zum kollektiven Kochshowgucken, wenn draußen mal wieder die Welt verrücktspielt.

Hikikomori

Mein Ausgangspunkt bei der Recherche zum Thema Rückzug aus der Gesellschaft war aber zunächst gar nicht Cocooning, sondern das Phänomen Hikikomori (sich einschließen, shut-in), was mit Neuer Heimeligkeit und kuschligen Wohnwelten allerdings nichts zu tun hat:

Japanische Jugendliche, die noch bei ihren Eltern leben, schließen sich in ihrem Zimmer ein und gehen nicht mehr vor die Tür, und zwar für Jahre nicht. Sie sehen fern, surfen im Internet, lesen, machen Computerspiele, schlafen. Die Eltern stellen ihnen das Essen vor die Zimmertür und bekommen ihre Kinder nicht oder nur ganz selten zu Gesicht.

Ich hatte die beeindruckende BBC-Dokumentation über Hikikomori von 2002 „Mystery of the Missing Million“ des Reporters Phil Rees gesehen. Die hatte mich schockiert. Ein nachdenkenswerter Film. Nachdenkenswert besonders darüber, was ein zu großer Leistungsdruck alles anrichten kann. Das Hikikomori-Phänomen ist nicht auf Japan begrenzt.

Hikikomori, Hintergrund

Es gibt auch einen deutschen Dokumentarfilm zu diesem Thema von 2013:
“14 Arten den Regen zu beschreiben” von Marcel Ahrenholz -

Trailer