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Pias Baum: Es ist wieder soweit. Jedes Mal, wenn der Baum vor meinem Bürofenster sich gravierend verändert, denke ich an Pia. Wir waren eine 2-Frauen-WG. Pias Zimmer ist jetzt mein Arbeitszimmer. Der Baum vor dem Fenster ist eine Linde, riesengroß und uralt. Jetzt im Juli rieseln wieder diese grisseligen winzigen Dinger durch die Luft, die von den Blüten abfallen, und die Straße und die Autodächer wie ockerfarbener Pulver bedecken. Von oben, vom Fenster, ein schönes Bild. Ich kenne mich mit Bäumen nicht aus, wie ihr merkt, daher meine unbeholfene Umschreibung  -  “grisselige Dinger”. -

Ich weiß nicht, wo du jetzt bist, Pia, vielleicht in Neufundland, wo du ja hin wolltest, und vielleicht liest du dies und amüsierst dich.

Pias Zimmer war ein Pappkartonlager. Aus den Kartons baute sie Miniaturkulissen mit schrägen, lichtdurchlässigen Wänden und Decken und machte darin Makroaufnahmen. In die Kulissen stellte sie Figuren, die im Bild nachher nur als Schatten zu sehen waren.
Das erste Licht, ich brauch’ das erste Licht”, sie stand oft halb in der Nacht auf und arrangierte ihre Kulissen für das Frühlicht. Bis Mittag war sie mit dem Bearbeiten von Fotos beschäftigt, dann ging sie ins Bad, aß kurz was und verschwand wieder in ihrem Zimmer.

Ich war ganz klar die bodenständigere von uns beiden, aber in der ‘Grundsubstanz’ waren wir ähnlich. Wir wollten unabhängig sein, nicht angestellt arbeiten. Wir hatten beide von der Hand in den Mund gelebt, schon bevor wir uns trafen, und das als Preis dafür gesehen, uns mit Dingen beschäftigen zu können, die uns wichtig waren. Wir standen oft mittags erst auf und sprachen den Rest des Tages über Ideen. Dann wieder werkelten wir die Nächte durch, beflügelt von dem, was wir geschafft hatten.

Einmal kam Pia den ganzen Tag nicht aus ihrem Zimmer heraus. Ich hörte keinen Laut und fing an mir Sorgen zu machen. Mittags klopfte ich bei ihr. “Lass mich”, rief sie, “ich fotosynthesiere”, und sie lachte. Ich starrte die Tür an, zuckte mit den Schultern und ließ Pia machen. Abends kam sie raus und sagte, sie habe den ganzen Tag nur dagesessen und den Baum angeschaut. Zuerst habe sie sich dazu zwingen müssen, dann aber sei es ganz leicht gegangen.

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Sie sagte: “Der Baum war noch kahl, das ist keine zwei Wochen her”, sie war ganz aufgeregt, “und jetzt ist er voller Blätter, und ich habe nichts davon bemerkt, wie er sich verändert hat, nichts von der Zeit dazwischen, verstehst du? Das ist doch nicht normal, dass ich das nicht sehe, dass überhaupt ein Mensch so was nicht sieht, oder?”
Und dann hat sie ihr Dasitzen und den Baum anschauen irgendwie mit Fotosynthese verglichen. Ich weiß nicht mehr den Wortlaut, nur das am Ende weiß ich noch, da hat sie gesagt: “Stillsitzen und sehen, das ist wie Sonne und Salz.”

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